| Hinweise und Quellen |
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| Freitag, den 02. September 2005 um 11:08 Uhr |
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Ernst Schmidt gibt Hinweise für Themen und Quellen (vollständige Fassung) Wer sich mit den Problemen von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern beschäftigt, hat sicherlich viele Möglichkeiten sich zu informieren. Da ist z.B. das NRW Hauptstaatsarchiv Düsseldorf. In diesem Archiv liegen zahlreiche Akten, die sich mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern beschäftigen. So z.B. die Gestapo- Personenakten im Bestand RW 58. Darunter auch Forschungsansätze vielseitiger Art: Entweder hat eine deutsche Frau eine Beziehung zu einem Franzosen oder Russen aufgenommen, oder ein Kriegsgefangener oder Zwangsarbeiter hat sich bei einem Bombenangriff hier in Essen - wie ich es in einem Falle genau weiß - einen Blechnapf aus den Trümmern eines Hauses genommen und ist deshalb hingerichtet worden. In diesen Archiven gibt es eine Fülle von Einzelschicksalen, die den Umgang mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern beschreiben. Im dem Archiv, das meinem Namen trägt, "Archiv Ernst Schmidt" und sich im Ruhrlandmuseum befindet, gibt es eine ganze Reihe von Hinweisen auf Vorfälle mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. In dem Archiv sind auch Kopien des Prozesses gegen Krupp mit vielen konkreten Einzelfällen zu finden. Ich habe dazu in der Synagoge einen Vortrag gehalten. Thema: "Leben und Erleben von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern bei Krupp in Essen." Eine sehr gute Quelle ist auch das Stadtarchiv Essen. Hier in Essen gab es eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald für Männer und Frauen. Über beide Lager habe ich geschrieben. Aber es muß auch im Stadtarchiv noch Akten geben, die den Umgang der Stadt mit diesen Lagern dokumentiert. Mir ist beispielsweise bekannt, daß diese KZ-Außenstelle Buchenwald in der Stadtmitte in unmittelbarer Nähe der Synagoge eine Rolle spielte. Es liegt ein langer Bericht von einem ehemals leitenden städtischen Angestellten vor. Dieser Angestellte war zuständig für das Lager; er hat, nachdem er das Lager dann besucht hat, dafür gesorgt, daß die Insassen noch ein paar Decken bekamen, um sich zuzudecken. Also es gibt da eine Fülle von Hinweisen, die über die Lage von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern informieren. Darüber hinaus gibt es in Essen die Arbeitsgemeinschaft Essener Geschichtsinitiativen. In dieser Arbeitsgemeinschaft gibt es viele über die ganzen Stadtteile verteilte Gruppen, die sich irgendwie und irgendwann einmal mit dem Thema Zwangsarbeit beschäftigt haben. In meinem Archiv liegt eine Liste mit den in der Stadt befindlichen Lagern, die teilweise auch Angaben über die Personenanzahl, deren Aufgaben und über ihre Arbeitgeber beinhalten. Diese Liste wurde vor vielen Jahren vom Internationalen Suchdienst in Arolsen angefertigt und führt über 300 Lager auf. Heute ist so etwas schwer möglich, da das Datenschutzgesetz große Schwierigkeiten bereitet. Der Suchdienst hat die Lagerliste nach den einzelnen Stadtteilen sortiert. Eine Auswertung dieser Liste lohnte sich im Rahmen des Wettbewerbes. [Eine aktualisierte Lagerliste- sortiert nach Stadtteilen- kann auf der Homepage des Historischen Vereins und im Stadtarchiv eingesehen werden!] Man kann sich auch der Hilfe der Arbeitsgemeinschaft Essener Geschichtsinitiativen bedienen. In welchen Stadtteilen sich solche Gruppen befinden, kann im Ruhrlandmuseum erfragt werden. Interessierte Schüler können so erfahren, wo beispielsweise in Altenessen ein Geschichtskreis besteht, der sich bereits mit der Problematik beschäftigt hat. Man kann, wenn man weiß, wo diese Lager waren, auch einmal versuchen Zeitzeugen zu finden, die möglicherweise erzählen können, wie es damals abgelaufen ist. Ich selbst besitze eine Liste aller Kriegstoten in Borbeck. Diese Liste habe ich noch vor der Inkraftsetzung des Datenschutzgesetzes aus den Büchern des Standesamtes in Borbeck abgeschrieben, was heute in dieser Form nicht mehr möglich ist. Namen von etwa 990 Borbecker bzw. Menschen, die in Borbeck umgekommen sind, konnte ich notieren. Darunter befanden sich mindestens 170 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. In der Sammlung "Archiv Ernst Schmidt" gibt es eine Aufstellung aller Russen, die in Essen während der Nazizeit umgekommen sind. Und es ist sicherlich gar nicht schlecht, sich im Rahmen dieses Wettbewerbes die Liste einmal durchzusehen. Im Stadtarchiv und auch im "Archiv Ernst Schmidt" gibt es eine Liste aller auf Essener Friedhöfen beerdigten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Es sind weit über 2.500, die namentlich vorliegen. Blättert man diese Liste durch, fällt z.B. auf, daß auf dem Friedhof in Borbeck, dem Terrassenfriedhof, gleiche Familiennamen auftauchen, z.B. sechs oder sieben mal der Name Boronenko. Und wenn man die Altersangaben vergleicht, dann beginnt das mit einem vierjährigen Kind und endet mit einer 35 jährigen oder älteren Frau. Es sind überwiegend Frauen, es gibt nur einen kleinen Jungen, und dann erfährt man das Datum des Todes und dann kann man sogar noch herausbekommen, daß die alle in der Steinmetz-Schule umgekommen sind. In dieser Steinmetz-Schule, so sagt man, waren Leute untergebracht, die bei der Stadt Essen gearbeitet haben. Die Familie Boronenko kam aus Orel. Ich habe versucht, Einzelheiten in Orel zu erfahren. Es ist nichts herausgekommen. Aber allein solche Fakten einmal darzustellen, kann auch interessant sein. Man kann schließlich genau sagen, wann und bei welchem Großangriff die betroffenen Personen umgekommen sind, denn diese Menschen durften keinen Schutzraum aufsuchen. Das Betreten von Schutzräumen war für Fremdarbeiter und Kriegsgefangene verboten. Es gibt Unterlagen, die genau besagen, wieviele Tote es bei diesem Angriff gegeben hat und wieviele Bomben auf Essen gefallen sind. Diesen Bomben waren diese Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter schutzlos ausgeliefert. Es gibt noch ein Beispiel: Wir haben in Essen hinter dem EVAG-Betriebshof - Gelände an der Gerlingstraße ein Schild, auf dem steht: Zur Gedenkstätte! Wenn man diesen Weg durch die Büsche geht, stößt man auf einen Stein. Und auf diesem Stein steht eingemeißelt, daß an dieser Stelle 99 Russen ein ewiges Grab gefunden haben. Folgendes war passiert: Die Russen haben alle auf der damals dort befindlichen Schachtanlage Graf Beust gearbeitet, die heute nicht mehr existiert. Sie waren auf dem Zechengelände untergebracht und hatten sich einen kleinen Stollen gegraben, in dem sie bei Fliegerangriffen Schutz suchten. Dieser Stollen ist bei dem Großangriff am 12. Dezember 1944 getroffen worden. 99 Tote. Die Namen sind bekannt. Man kann vielleicht unter diesen 99 Toten noch irgend etwas herausfinden. Es gibt einen Zeitzeugen, der berichtet hat, wie es abgelaufen ist. Er erzählt, daß damals ein deutscher Unteroffizier mit in den Stollen mußte, da es sich um Kriegsgefangene handelte, die bewacht werden mußten. Dieser deutsche Unteroffizier zählte auch zu den Toten. Ihn haben sie herausgeholt. Die Russen nicht. Kettwig ist heute ein Stadtteil Essens, der damals noch eine eigene Stadt war. (Und in den Augen vieler Kettwiger heute immer noch ist!) Deshalb ist das Auffinden von bestimmten Ereignissen im Stadtarchiv und auch in meinem Archiv etwas schwierig. Trotzdem gibt es einiges. Wer etwas erfahren will, kann sich z.B. an die "Kettwiger Museumsfreunde" wenden, die auch an der Arbeitsgemeinschaft Essener Geschichtsinitiative angeschlossen sind. Dieser Kettwiger Verein wird geleitet von Dr. Engelhardt. Auch an ihn kann man sich wenden (Mittwochs ab 18.00 im Rathaus Kettwig). Sie haben sich bereits mehrfach mit diesen Fragen beschäftigt. Ich nenne nur folgendes: Auf dem Schmachtenbergfriedhof in Kettwig gibt es eine Grabstätte, in der Zwangsarbeiter beerdigt sind und darunter befinden sich eine ganze Reihe Gräber von Kleinkindern, dessen Namen und Geburtsdaten bekannt sind. Ein großer Teil von ihnen war in Wuppertal geboren. Es gibt Hinweise darauf, daß Zwangsarbeiterinnen bei Scheidt gearbeitet haben, wahrscheinlich auch bei den Bauern in der Umgebung. Und hier hilft wieder das Hauptstaatsarchiv, wenn man da einmal diese Akten durchsieht, die dort vorhanden sind und die sich mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern auseinander setzen, wird man bestimmt auch etwas über Kettwig erfahren. Es gibt in Kettwig sicherlich auch noch Zeitzeugen, die darüber berichten können. An der Grabstätte steht übrigens eine Tafel Wir haben viele solcher Sachen. Ich führe noch ein Beispiel aus Altendorf an: Die Eisenbahnstrecke vom Essener Hauptbahnhof über Essen-West, Mülheim und Duisburg nach Düsseldorf führt über einen Tunnel, der die Stadtteile Altendorf und Frohnhausen teilt. Auf der einen Seite war ein großes Lager in der Raumerstraße. Dort ist heute ein großer Sportplatz. Damals war dort ein Lager mit 1.300 Russen. Durch einen Tunnel unter der Eisenbahnlinie gelangt man zur Liegewiese des Nöggerathbades an der Grünertstraße. Hier war ein Lager mit 1.000 Franzosen. Es gibt einen ausführlichen Bericht über die Zustände in diesen Lagern. Beide waren Kruppsche Lager. Der Kruppsche Lagerarzt hat seinerzeit beschrieben, wie es nach einem Bombenangriff ausgesehen hat. Die Masse der Franzosen wurde im Kruppschen Betrieb selbst untergebracht. Beispielsweise wurde in einer Werkhalle eine kleine Ecke freigemacht, in der man Stroh oder ähnliches legte. So konnte die Nachtschicht dort tagsüber schlafen und die Tagesschicht in der Nacht. Wie das bei der Lautstärke in der Werkhalle möglich ist, ist kaum vorzustellen. 170 von den Franzosen sind im Winter 1944/45 im Tunnel untergebracht worden. Dieser Tunnel sieht heute fast noch genauso aus wie damals. Es ist außerdem bekannt, daß sich die Anwohner in diesem Gebiet mit Hilfe der Franzosen einen eigenen Bunker gebaut haben, der schließlich auch von den Franzosen genutzt werden konnte, die mitgeholfen hatten. Eines Tages im Oktober 1944 hatte es keinen Voralarm gegeben. Bei einem Voralarm begaben sich die Leute normalerweise bereits in die Bunker. An diesem Tag sind die Leute überrascht worden und vor dem Bunker sind einige Menschen umgekommen. Bei den Bergungsarbeiten haben sich auch die Franzosen, insbesondere ein französischer Arzt, sehr verdient gemacht. Kurz vor Kriegsende am 3. Mai 1945 haben Bewohner der Hirtsiefer-Siedlung, einer Wohnungs- und Baugenossenschaft, die heute noch existiert, an der Nöggerathstraße ein Kreuz aufgerichtet. Sie haben einen Balken aus der Scheune eines zerstörten Bauernhofs genommen und haben daraus ein Kreuz gezimmert. Aus der naheliegenden Flakstellung nahmen sie eine Granatkartusche und ließen sie bei Krupp walzen, anschließend schnitten sie daraus ein Rechteck und schrieben auf diese Messingplatte: Ich will, daß ihr in Frieden lebt für die Opfer in schwerer Zeit, 3. Mai 1945. An der Aufrichtung des Kreuzes und an der Feierstunde am 3. Mai haben mehrere befreite Kriegsgefangene zusammen mit der Bevölkerung teilgenommen. Es ist nachzuweisen, daß in den Gebieten, in denen Deutsche versucht haben sich mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zu solidarisieren, die Übergriffe nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur gering war. Beispielsweise konnte die Frau eines Soldaten, deren Wohnung nach einem Bombenangriff zerstört war, zu einem Lager gehen und um Hilfe bitten. Ein Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene half ihr bei der Arbeit. Viele Frauen nutzten diese Gelegenheit, um den Leuten etwas zuzuschieben. Mir ist ein Fall bekannt, in dem ein Körperbehinderter, der wegen seiner Zugehörigkeit zur KPD 1933 im Gefängnis gewesen war, zu einem Lager gegangen ist und um eine Hilfe gebeten hat, da er seinen Garten umgraben wollte. Das Anpflanzen von Gemüse wurde damals gefördert. Als dann ein Kriegsgefangener gekommen ist, ließ er ihn nicht arbeiten, sondern forderte ihn auf sich auszuruhen und gab ihm etwas zu essen. Anschließend bat er den Mann ihm beim nächsten Mal den schwächsten Gefangenen zu schicken, damit dieser aufgepäppelt werden kann. Als wir vor 20 Jahren die Alte Synagoge einrichteten, bekamen wir viele Hinweise und Belege von Menschen, die den Kriegsgefangenen ihre Dankbarkeit ausdrückten. Beispielsweise kam eine Frau und zeigte auf ein Bild. Das war ein Bild ihrer Kinder. Ein Schwarzweiß-Foto. Aber die Russen hatten es coloriert, es war jetzt ein Buntfoto. Es gab Schnitzereien, Kinderspielzeug und Ringe aus Eisen, die von Kriegsgefangenen gemacht worden sind. Es gibt einen Hinweis aus der Raumerstraße, dem man noch einmal nachgehen könnte. Die Russen wurden dort sehr oft in der Nacht geprügelt. Unmittelbar gegenüber des Lagers war eine Siedlung mit Krupparbeitern, die die Schreie der Menschen hörten und versuchen wollten dagegen anzugehen. Sie sollen dafür ein schlaues Argument benutzt haben: Sie sind zu den Behörden gegangen und haben vorgetragen, daß sie für den deutschen Sieg schwer und hart bei Krupp arbeiten müßten. Aber für die Arbeit müßten sie ausgeruht sein, was bei dem Lärm in der Nacht nicht möglich wäre. So erreichten sie, daß das Schlagen in der Nacht aufhörte. Es gibt zahlreiche weitere Fakten, die ich nennen könnte. Ich möchte nur sagen, wer sich dafür interessiert, kann gerne zu mir ins Ruhrlandmuseum kommen. |
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